Menschenkinder by Renz-Polster Herbert

Menschenkinder by Renz-Polster Herbert

Author:Renz-Polster, Herbert [Renz-Polster, Herbert]
Language: deu
Format: epub
Published: 2013-09-10T16:00:00+00:00


Zu viele Versager

Sehen wir die Neuorientierung der Schule aber nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Chance. Als Chance, eine beklemmende Altlast abzulegen, nämlich ihr längst überholtes methodisches Konzept. Denn auch wenn die Schule sich auf die Fahnen geschrieben hat, Kinder fit zu machen für das Leben – bei einer erschreckenden Anzahl von Schülern erreicht sie das Gegenteil: Sie stempelt sie zu Versagern. Statt »fit« zu werden, nehmen diese Kinder aus der Schule eine Bürde mit ins Leben. »Es gibt Leute, die niemals gelernt haben, ihre wahren Stärken zu finden, weil man sie in der Schule zu lange mit ihren angeblichen Schwächen gequält hat«, sagt dazu Vera Birkenbihl, die Autorin von Stroh im Kopf?

Das faule Ei ist so alt wie die deutsche Schule: Die Leistungsstarken werden belohnt, die (in schulischen Belangen) Schwachen bestraft – durch schlechte Noten, Stress und Angst vor Sitzenbleiben und Versagen. Aber sind das wirklich die richtigen Rahmenbedingungen zum Lernen? Ist das Prinzip der beständigen Benotung, Beurteilung und Auslese in Wirklichkeit nicht eher ein Hemmnis für die kindliche Entwicklung? Ist es richtig, beim Lernen auf Angst zu setzen? Zumindest aus der Neurobiologie hören wir dazu ein ganz klares Nein!

Angst hemmt das Lernen, sie wirkt wie Pattex auf das Denken. Vor allem die schwächeren Schüler lassen sich durch Angst den Wind aus den Segeln nehmen – gerade sie aber könnten beim Lernen Rückenwind gut gebrauchen. Und das nicht nur beim Lernen: Auch für das Selbstbild und die emotionale Entwicklung eines Menschen sind dauerhafte Versagenserfahrungen Gift.

In einer Neuorientierung liegt aber auch eine zweite Chance für die Schulen: nämlich ihre am Defizit orientierte Auslese zu überdenken. Denn anders als gerne behauptet werden die Kinder ja nicht nach ihren Stärken auf die verschiedenen Schultypen verteilt, vielmehr steht der Mangel Pate. Ein Kind kommt nicht deshalb auf eine Hauptschule, weil es in praktischer oder handwerklicher Hinsicht besonders begabt ist – es kommt auf die Hauptschule, weil es schlecht schreiben und schlecht rechnen kann. Unser Schulsystem ist damit nicht auf die oft zitierte Vielfalt der Begabungen ausgerichtet, sondern auf eine Auslese bestimmter, nämlich intellektuell-kognitiver Begabungen (und die spiegeln noch oft genug einen zeitweiligen Entwicklungsvorsprung mancher Kinder wider).



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